Lommatzsch eine historische Entdeckungsreise

Historische Stadtrundgang - digital

Als Ergebnis einer vom Freistaat Sachsen geförderten Studie zu neuen Visualisierungsformaten für landeskundliche Informationengibt es seit Dezember 2018 die Internetseite www.landeskunde-digital.de. Die interaktive Webanwendung verbindet Bilder, Karten und Videos der sächsischen Modellstandorte Lommatzsch und Ketzerbachtal zu einem digitalen Erlebnisraum, in dem Nutzer je nach eigenem Interesse auf Entdeckungsreise gehen können. Über 360-Grad-Panoramen lassen sich vor Ort auf dem Smartphone oder zuhause am Rechner Informationen zur Stadt, ihren Bewohnern, ihrer Geschichte und der Umwelt abrufen. Neugierige können auf historische Fotos zugreifen, interaktive Karten auf das Display holen oder virtuelle Drohnenflüge über die Landschaft starten. Über wenige Klicks lassen sich Zusammenhänge zwischen Gebäuden und Menschen, Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Raum, Natur und Kultur veranschaulichen.

 

Stadt Lommatzsch Rathaus
Direkt am Markt befindet sich das Rathaus.
Wenzelskirche Lommatzsch
Die drei Türme der Wenzelskirche heißen die Besucher herzlich willkommen.

Lommatzsch – Etappen der Stadtentwicklung

Die folgende knappe Überblicksdarstellung skizziert nur wenige Aspekte der über 700-jährigen Stadtgeschichte von Lommatzsch. Ziel ist es, die wichtigsten Entwicklungslinien der Kleinstadt im Zentrum der Lommatzscher Pflege zu beschreiben.


Mittelalter (10.-15. Jahrhundert)


Im frühen Mittelalter siedelten sorbische Stämme im heutigen Gebiet der Lommatzscher Pflege. Der heute nicht mehr vorhandene Paltzschener See bei Lommatzsch galt als Mittelpunkt und Heiligtum des religiösen Lebens der Sorben. Der Stadtname Lommatzsch sowie die vielen Dorfbezeichnungen in der Lommatzscher Pflege mit dem Suffix „-itz“ verweisen auf diese slawischen Wurzeln. König Heinrich I. eroberte im Jahr 929 das Sorbenland und unterwarf die Daleminzier der deutschen Herrschaft. Mit der Gründung des Bistums Meißen 968 durch Kaiser Otto I. begann der Aufbau einer Kirchenorganisation. Mehrere kleine sorbische Dörfer gehörten zu einer Pfarrkirche, von denen etliche im Gebiet gebaut wurden, darunter in der späteren Stadt Lommatzsch. Der Kirchenbau erfolgte damals eher ungewöhnlich auf einem 175 Meter hohen Hügel, der höchsten Stelle der Offenlandschaft. Damit befand sie sich jedoch in Sichtweite zum slawischen Heiligt um Paltzschener See, auch „Glommatz-Brunnen“ genannt. Im Laufe der Zeit entstanden Wege-beziehungen von den Dörfern zum geistlichen Mittelpunkt. Schließlich entwickelte sich die Siedlung Lommatzsch im Kreuzungspunkt von vier überregionalen Wegen. Diese führten nach Döbeln, Meißen, zum Elbübergang Merschwitz und
zum Paltzschener See. Die Ostkolonisation von deutschen Bauern Anfang des 12. Jahrhunderts ließ die Bevölkerung sprunghaft ansteigen und Lommatzsch zur Stadt wachsen. Nach dem Landeshistoriker Karlheinz Blaschke soll ausgehend von der Kirche die Bebauung des Ortes erfolgt sein. Er unterscheidet nach Größe und Anlage der Grundstücke die Einwohner in Händler und Handwerker. Die Landwirtschaft spielte zur Stadtentstehung keine Rolle. Erst später sollen seiner Auffassung nach Bürger Ackerflächen erworben haben. Im Jahr 1286 wurde Lommatzsch als „civitas“ (Stadt) erstmals urkundlich erwähnt. Im 14. Jahrhundert muss es zu einem beträchtlichen Ausbau der Stadt gekommen sein. Dies bestätigen auch die aktuellen archäologischen Funde. So fanden sächsische Landesarchäologen u.a. Lederstücken im Bereich zwischen Frauengässchen und Mittlerem Korngässchen, die auf dort ansässiges Gewerbe schließen lassen. Stadtbewohner, vor allem Handwerker, kamen in dieser Zeit vermutlich vorwiegend aus den umliegenden Dörfern. In der Stadt bildete sich eine arbeitsteilige Wirtschaft heraus. Das städtische Handwerk produzierte für die dörfliche Land-wirtschaft, die Händler sorgten für den Warentausch regional wie überregional. Die Stadt gehörte anfangs dem
Meißner Burggrafen, der 1330 vom Markgrafen den Bierzins von Lommatzsch verliehen bekam. 1348 verlieh Burggraf Meinher IV. den Fleischern in Lommatzsch das Innungsrecht. Die Christianisierung und der Aufbau des kirchlichen Lebens schienen stetig voran gegangen zu sein. Lommatzsch gehörte als Sitz eines Erzpriesters zur Propstei Meißen. Diesem
Erzpriester unterstellt waren 17 Pfarrkirchen, darunter Striegnitz, Neckanitz und Dörschnitz. Die Lommatzscher Kirche besaß im 14. Jahrhundert drei Altäre, geweiht dem heiligen Johannes, dem heiligen Fabian und Sebastian und der Jungfrau Maria“. Papst Innozenz VI. verlieh am 1. März 1359 der St. Wenzelskirche und dem darin befindlichen „wunderthätigen Marienbild“ einen Ablassbrief. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wirkte Lommatzsch wohl noch als wichtiger Wallfahrtsort. Als Wunder wurden dem Marienbilde und dem Heiligen Kreuz damals u.a. die Heilung von lahmen Knaben zugeschrieben. 1408 verkaufte Burggraf Heinrich I. Lommatzsch mit allen Rechten, Zinsen, Gerichtseinkünften, Abgaben von der Ernte und drei zur Stadt gehörigen Vorwerken für 600 Gulden an die Markgrafen Friedrich IV. und Wilhelm II. von Meißen. Mit der unmittelbaren Unterstellung unter den Landesherrn besaß Lommatzsch zur damaligen Zeit und für seine Größe die größtmögliche Selbstverwaltung. Die Verwaltung der Stadt lag in den Händen eines aus neun Personen zusammengesetzten Rates. Dieser war zugleich Schöffenkolleg des Stadtgerichts. Die oberste Gerichtsbarkeit übte der Landesherr aus. Die Stadt Lommatzsch besaß im Mittelalter keine Stadtmauern, weshalb kein ausreichender Schutz für Händler und Handwerker in Kriegszeiten gegeben gewesen scheint. Zum Schutz der Bevölkerung dienten wohl vielfach die in Lehm gehauenen Keller unter Grundstücken im Marktbereich. Deren eigentliche Bestimmung bestand jedoch aufgrund der ganzjährig gleichmäßigen Temperatur und Luftfeuchte in der Lagerung von Lebensmitteln, Bier und Feldfrüchten. Lommatzsch zählte Ende des 15. Jahrhunderts weniger als 1.000 Einwohner.


Neuzeit (16.-18. Jahrhundert)


Mit dem Bau der noch heute das Stadtbild dominierenden Kirche setzte Lommatzsch zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Hoffnungszeichen. Brände und kriegerische Auseinandersetzungen in den Jahren zuvor hatten die alte Kirche stark in Mitleidenschaft gezogen. Mehrmals musste die Kirchgemeinde Geld für Reparaturen ausgeben. 1504 begann der Kirchenumbau unter Leitung des Baumeisters Peter Ulrich von Pirna, 1514 erfolgte die Kirchweihe, 1523 war der Bau bis
auf den Innenausbau fertig gestellt. In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde die Kirche mehrfach umgestaltet und ergänzt. Während die heute noch weithin sichtbaren drei Türme erst beim Umbau im 16. Jahrhundert hinzugefügt wurden, lässt sich das darunter stehende Turmsegment ins 12. Jahrhundert zurückdatieren. Die drei Türme sollen die heilige Dreifaltigkeit (Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist) symbolisieren. Zu erwähnen sind
hier außerdem die Anfertigung der Kanzel durch den Lommatzscher Tischlermeister Paul Steudte 1619 und der Ersatz des spätgotischen Altars der Kirche durch einen Barockalter mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi des Dresdner Bildhauers Paul Heermann von 1714. Lommatzsch entwickelte sich in der Frühen Neuzeit baulich weiter. Nach der Anlage des Marktplatzes Ende des 14. Jahrhunderts erfolgte 1550 bis 1555 der Bau des Rathauses. Noch heute ist der auch damals schon vorhandene charakteristische Geländeabfall des „schiefen Marktes“ und seine einem unregelmäßigen Viereck gleichende Form zu erkennen. 1527/28 erfolgte die Verlegung des Friedhofes auf eine Wiese außerhalb der Stadt und die Bebauung dieser Fläche zwischen Kirche und Marktplatz. Die Häuser der Stadt wurden ab der Zeit als schlichte massive Steinbauten errichtet, zumeist nur mit einem Obergeschoss und nur selten mit Schlusssteinen oder Verzierungen an den Toren. Im 17. Jahrhundert stockte die positive Entwicklung der Stadt. Louis Zahn beschreibt für Lommatzsch im Jahr 1607 ein „großes Sterben“, dem über „elfhundert Personen“ in der Stadt, „mehrenteils alte Leute“, erlagen. Die Pest, die vermutlich hierfür die Ursache war, grassierte zwischen 1611 und 1633 mehrfach in Lommatzsch und in benachbarten Dörfern. 1697 soll Lommatzsch 771 und drei Jahre später ca. 800 Einwohner gehabt haben. Demnach war die Einwohnerzahl etwa ähnlich hoch wie im Jahr 1500. Der Dreißigjährige Krieg verschonte auch Lommatzsch nicht. 1637 wurde die Stadt „bis auf die Kirche, Schule und Rathaus in Asche gelegt“. 1642 plünderten und wüteten die durch-ziehenden Truppen der Schweden in der Stadt. Zum Schutz bildete die Bürgerschaft eine Bürgerwehr, die 1648 im Stadthandelsbuch erwähnt wird. Urkundlich belegt ist im Jahr 1688 auch die erste natürliche Geburt von Fünflingen in Sachsen. Noch heute erinnert der Grabstein für die Familie Kühne in der Brautstube der St. Wenzelskirche an dieses Ereignis. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts erlebte Lommatzsch keine Blüte mehr. Unwetter, Dürren, Krankheiten und Brände machten den Menschen das Leben schwer. Das Rückgrat der Stadt waren die Handwerker, die die Versorgung der städtischen Bevölkerung sicherstellten und die die Stadt immer wieder aufbauten. So ging z. B. nach den Stadtbränden 1727 und 1734, denen viele Häuser, Scheunen und das Rathaus zum Opfer fielen, der Wiederaufbau vergleichsweise
schnell. Bereits 1738 war das Rathaus nun im barocken Stil wiedererrichtet und mit neuen architektonischen Merkmalen wie dem Rathausturm ausgestattet. Zwischen 1700 und 1900 soll sich die Einwohnerzahl vervierfacht haben, wobei das 19.
Jahrhundert das größte Bevölkerungswachstum auswies. Gab es im Jahr 1800 bereits 1261 Einwohner, zählte die Stadt am Ende des Jahrhunderts rund 3200. Zur Pfarrkirche Lommatzsch gehören die Dörfer Altlommatzsch, Sieglitz, Scheerau, Pitschütz, Jessen, Löbschütz, Paltzschen, Lautzschen, Prositz, Zscheilitz, Zöthain, Rauba, Messa, Domselwitz, Wachtnitz
und Daubnitz. Eine historische Zäsur und damit zugleich der Startpunkt in das industrielle Zeitalter mit den dadurch möglichen Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktion ist für Lommatzsch mit dem Beginn der Agrarreformen in Sachsen 1832 zu setzen. Der gewerblich-industrielle Aufschwung in der Stadt selbst ließ jedoch noch fast ein halbes Jahrhundert länger auf sich warten.


Industrialisierung (19./20. Jahrhundert)


Lommatzsch wies zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Charakter einer Ackerbürgerstadt auf. Die Bewohner betrieben neben ihrem Handwerk auch Feldwirtschaft und Viehhaltung. Auf jede Familie seien 900 Quadratmeter Land gekommen. In fast jedem Haus sollen Hühner gehalten worden sein, dazu kamen rund 1.200 Nutztiere in der Stadt wie Kühe, Pferde bis hin zu Ziegen. Im sogenannten Stadtgut, dem Gebäude Markt 18 in Lommatzsch, hielt sich die landwirtschaftliche Nutzung im Stadtzentrum noch bis ins 20. Jahrhundert. Die Kühe wurden gleich hinter dem Gut auf die Wiese getrieben. Härtner gab zudem 70 verschiedene Handwerke und Gewerbe in der Stadt an, aber noch keine Industrie. Als 1865 der Bau der Eisenbahn von Leipzig nach Dresden über Döbeln im Bau war, regte der Apotheker Friedrich Wilhelm Herb auch den Anschluss von Lommatzsch ans Bahnnetz an. Erst nachdem sich die Bürgermeister von Nossen, Lommatzsch und Riesa gemeinsam für den Bau einer Bahnlinie stark machten, erfolgte schließlich 1875 der Spatenstich. Mit dem Bau der
Eisenbahnlinie von Riesa über Lommatzsch nach Nossen und Anschluss nach Freiberg erhofften sich die Unterstützer, die verkehrsmäßig ungünstige Lage der Stadt für die wirtschaftliche Entwicklung auszugleichen. Trotzdem sollte es noch gut 20 Jahre dauern, bis 1897 Carl Menzel mit einer Glasfabrik die industrielle Entwicklung der Stadt begann und damit
genau den Vorteil des Bahnanschlusses zu nutzen wusste. Zwar legte mit Moritz Buschmann 1861 ein Handwerksmeister ebenso den Grundstein für spätere Betriebe im Metall- und Gerätebau, auf deren Wurzeln sich heute noch drei existierende Betriebe berufen. Doch beschäftigte Buschmann im Vergleich zum Glaswerk Carl Menzel und Söhne nur ein Zehntel der Arbeitskräfte. Anfänglich sollen im Glaswerk 200 Arbeitskräfte tätig gewesen sein. Diese warb der Betrieb zum Teil vor Ort, aber auch in Böhmen und Ungarn an. Die eigentliche Entwicklung von Industriebetrieben begann aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts, südlich und nördlich des Bahnhofes. 1919 gründete sich die Firma Gotthardt & Kühne, die sich zu einem bedeutenden Betrieb für Futterdämpferanlagen entwickelte und in den 1950er Jahren rund 300 Mitarbeiter beschäftigte. Zwei ehemalige Glasbläser, Bruno Lehmann und Paul Balzer, machten sich 1926 mit der Herstellung von Spiegeln selbständig. Diese Firma entwickelte sich zum leistungsstärksten Betrieb der Glasveredelung in Lommatzsch und war als VEB Glastechnik in der DDR ab 1984 Alleinhersteller von Automobil- und Straßenverkehrsspiegeln. Ebenfalls 1919 gründeten 36 Groß- und Mittelbauern die Lommatzscher Gemüse und Obst- Verwertungs-GmbH. Diese bildete das Fundament der heutigen Elbtal Tiefkühlkost GmbH, einem Betriebsteil der Frosta AG. Auch dieser Betrieb siedelte sich unmittelbar an der Bahnstrecke Riesa-Lommatzsch, allerdings auf Messaer Flur, an und bekam einen eigenen leisanschluss gelegt. In den 1930er Jahren waren in der Saison teilweise bis zu 300 Frauen beschäftigt. Die industrielle Weiter-verarbeitung von Rohwaren der Felder direkt am Ort der Erzeugung verweist nicht nur auf den großen Lebensmittelbedarf im Gründungsjahr, sondern unterstreicht den Wandel der Landwirtschaft seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Da die sächsischen Bauern im Gegensatz zu den preußischen nicht unter Leibeigenschaft litten, setzte die Reform der land-wirtschaftlichen Rechtsverhältnisse spät ein. Auf Grundlage des Gesetzes über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen 1832 und der dazu folgenden Nachtragsgesetze gelang es bis zum Jahr 1859, alle feudalen Lasten der Bauern (z. B. Naturalabgaben, Frondienst-, Lehngeld- und Hutungsablösungen) mittels Geldzahlungen abzulösen. Daneben gab es weitere Reformen beispielsweise zu Grundstückszusammenlegungen, zur Reorganisation des Hypothekenwesens und zur Grundsteuer. Diese Reformen stärkten vor allem die mittelgroßen Bauern. Die Ablösung erfolgte in Geld, nicht in Landabtretungen. Diese sowie die Anwendung künstlicher Düngemittel und der Einzug von technischen Land-wirtschaftlichen Maschinen ließen die landwirtschaftlichen Erträge steigen. Die Getreideproduktion nahm zu, der Viehbestand vergrößerte sich und der Landbesitz wurde erweitert. In der Lommatzscher Pflege zeugen heute noch die großen Drei- und Vierseithöfe mit den auf den Schlusssteinen verewigten Bauzeiten zumeist Mitte bis Ende des
19. Jahrhunderts von dieser Blütezeit. Der Erste und Zweite Weltkrieg brachten für Lommatzsch weitreichende Einschnitte und Veränderungen. Gottfried Ostermay fasste die Ereignisse mit den Worten zusammen: „Durch den zweiten Weltkrieg wurde das Leben unserer Stadt und ihrer Einwohner stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Tage Ende April und Anfang Mai 1945 brachten uns den Wahnsinn eines Krieges deutlich vor Augen.“ Die Versorgung der Einwohner und der vielen
Flüchtlinge bzw. „Umsiedler“ sowie deren zumindest behelfsmäßiger Unterbringung blieb in den ersten Nachkriegsjahren schwierig. Im Zuge der Bodenreform wurden Güter u.a. in Jessen, Petzschwitz und Schleinitz enteignet, aufgeteilt und an ehemalige Landarbeiter und Flüchtlinge als „Neubauernstellen zu etwa 5 h“ übergeben. Ab 1952 begann in der Lommatzscher Pflege die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) mit 50 bis 300 Hektar Größe, ab 1960 die „Vollgenossenschaften“ Die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft mit politisch vorgegebenen Zielen zur Ertragssteigerung brachte weitere Spezialisierungen und Kooperationen mit sich. Die Wohnbedingungen in der Stadt verbesserten sich im Laufe der DDR-Zeit wesentlich. Durch staatlichen, Genossenschaftlichen sowie LPG-Geschoßbau und den Bau von 45 Eigenheimen entstanden 411 Wohnungen bis 1986. Das Stadtbild veränderte sich, war nun von der Robert- Volkmann-Alle bis zum Bahnhof bebaut. Neben der 1859 gebauten „alten Schule“ wurde 1974 die „neue Schule“ als Plattenbau „Typ Dresden“ errichtet. Kindertagesstätten wurden nach 1945 eingerichtet und bis zum Ende der DDR stetig weiterentwickelt. Neben der Landwirtschaft brauchten die Lommatzscher Betriebe Arbeitskräfte. Für diese gab es ein reges Vereins- und Kulturleben. Die für die Stadt Lommatzsch bezogen auf ihr Wachsen positive Entwicklung der DDR-Zeit endete mit der Friedlichen Revolution 1989/90.

Gegenwart (ab 1990)


Ende des 20. Jahrhunderts stand Lommatzsch vor neuen Herausforderungen. Nach der deutschen Wiedervereinigung erfolgten Schließungen, Privatisierungen von Betriebsteilen und Betriebsübernahmen durch westdeutsche Firmen mit einem deutlichen Abbau von Arbeitsplätzen in den Lommatzscher Betrieben. Auch in der Landwirtschaft gingen durch
Reprivatisierungen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften viele Arbeitsplätze verloren. Zwar fußen die größten Firmen der Stadt (Elbtal Tiefkühlkost GmbH, Schollglas Technik GmbH) auf traditionellen Lommatzscher Betrieben bzw. wurden wie die Lomma Sachsen GmbH durch ehemalige Mitarbeiter des VEB Dämpferbaus in die Privatisierung
geführt. Sie beschäftigen aber aktuell nur etwa ein Viertel der Arbeitskräfte im Vergleich zu DDR-Zeiten. Besonders gravierend war der Verlust von Arbeitsplätzen in den 1990er Jahren in der Landwirtschaft. Gab die LPG „Helmut Just“ in Striegnitz beispielsweise in der DDR rund 600 Personen Arbeit, bewirtschaftet die Nachfolgegenossenschaft, das Agrarunternehmen Lommatzscher Pflege eG, bei rund 3.000 Hektar Feldfläche und rund 1.000 Milchkühen nur noch knapp 60 Mitarbeiter. Es ist damit zugleich das größte Agrarunternehmen der Stadt. Neben diesem bewirtschaften etwa vierzig landwirtschaftliche Betriebe im Haupt- oder Nebengewerbe rund 6.070 Hektar landwirtschaftliche Fläche. Die einzelnen Schläge sind teilweise mehr als 50 Hektar groß. Die Landwirte arbeiten überwiegend konventionell, bauen Getreide, Raps, Zuckerrüben und Gemüse an. Tierproduktion gibt es nur noch wenig. Neben der Milchproduktion des Agrarunternehmens sind die Eierproduktion der Geflügelfarm Lommatzsch in Schwochau mit 130.000 Legehennen und die Sächsische Farmbetriebe GmbH mit 50.000 Junghennen für die Broilerproduktion zu nennen. Weiterhin prägen viele kleinere Handwerksbetriebe aus dem Bauhaupt- und Baunebengewerk von Dachdeckern und Zimmerern über Elektriker, Malerfirmen bis hin zu Tischlern und Metallbaufirmen die Gewerbelandschaft. Außerdem gibt es mehrere Speditionen und ein großes Tiefkühllager in der Stadt. Mit rund 1.500 Arbeitsplätzen könnte statistisch gesehen die Hälfte aller Lommatzscher im erwerbsfähigen Alter mit einem Arbeitsplatz versorgt werden. Faktisch arbeiten rund 700 Lommatzscher am Wohnort. Die Erwerbslosenquote liegt im Landkreis Meißen gegenwärtig bei rund 6 Prozent. Durch den wirtschaftlichen Strukturwandel verlor Lommatzsch seit 1990 bis heute – trotz Eingemeindungen – rund 27 Prozent der Einwohner. Besonders viele junge Menschen (Geburtsjahrgänge zwischen ca. 1970 bis ca. 1985) verließen aufgrund fehlender Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten die Stadt. Aktuell durchlebt Lommatzsch noch immer einen schmerzhaften Veränderungsprozess. Für ausstehende Betrachter scheinen wirtschaftlicher und demografischer Wandel einen Niedergang der Stadt einzuläuten. Aus historischer Sicht sind die Veränderungen als erklärbarer Prozess im Entwicklungslauf einer jahrtausendealten Kulturlandschaft und einer über 700- jährigen Stadt zu begreifen. Dieser hält neben Risiken auch Chancen für Lommatzsch bereit. Und obwohl heute globaler Faktoren auf die Wirtschaft vor Ort einwirken, hängt eine gute Entwicklung nach wie vor von „klugen Köpfen“ und „Machern“ in den Firmen, in der Landwirtschaft und in der Stadt ab. Schließlich wird Geschichte wie Zukunft von Menschen gemacht.

Text: Dr. Anita Maaß

Lommatzsch